Das sind halt Kinder

Kinder sind das Grösste. Meinen zumindest unsere Nachbarn. Sie sind immun gegen den Lärm ihrer Sprössling. Sind verständnislos jenen gegenüber die sich stören und sich Ruhe wünschen. Szenen wie die beschriebene erleben wir jeden Tag. Manchmal reklamieren wir. Manchmal nicht. Fast immer nervt es uns.

Schlaftrunken schrecke ich auf. Es ist kurz vor 17 Uhr. Ich war wohl auf dem Sofa eingenickt. Gekreische und Gestampfe im Treppenhaus. Von Kindern. Und ihren Eltern?

Zum x-ten mal. Letzte Woche. Gestern. Heute. Jeden Tag. Mehrfach.

Meine Freundin kann ein Lied davon singen. Arbeitet von Zuhause und erlebt Gleiches jeden Tag. Erzählt mir jeweils am Abend davon.

Ich taumle zur Wohnungstüre. Reisse sie auf. Genau davor die Lärmequellen: Zwei Kinder und ihre Väter. Offensichtlich amüsiert. Beide, jung und alt.

“Geht es bitte ein bisschen leiser? Ich möchte nicht jedes mal hören müssen wenn ihr nach Hause kommt. Oder rausgeht.”

Die beiden Buben stampfen weiter. Die Treppe hoch. Die Väter schauen mich verdutzt an. Der Holländer ringt mit den Worten. Nimmt einen Versucht, aber stammelt nur vor sich hin. Der Grieche kommt ihm verbal zur Hilfe:

“Das sind halt Kinder. Die machen Lärm.”

Ich habe dafür kein Verständnis und bringe es zum Ausdruck. Erkläre, dass in einem Wohnhaus die  einzelnen Parteien aufeinander Rücksicht nehmen sollten. Müssten. Aus Anstand. Und Respekt.

Der Grieche lächelt süffisant. Und wiederholt sich:

“Das sind halt Kinder.”

Und dann:

“Was soll man da machen?”

Ich hätte da Ideen. Nehme einen Anlauf und stoppe bei der ersten Silbe gleich wieder. Irgendwie bringen solche Diskussionen nichts. Weil sie sich wiederholen. Immer wieder. Seitdem sie eingezogen sind. Erst der Holländer. Dann der Grieche. Es wurde lauter. Nicht nur wegen der Kinder. Aber vor allem. Laut. In den Wohnungen. Im Treppenhaus. Auf dem Balkon. Wir baten um Ruhe und Rücksicht. Unzählige male. Wandten uns an die Verwaltung. Die hat sie abgemahnt. Erst einzeln. Dann zusammen. Einmal. Zweimal. Nicht nur wir stören uns. Auch der Australier. Wohnt gleich unter dem Griechen. Flüchtet am Wochenende in das Ferienhaus der Freundin. Oder die Afghanin. Zwei Etagen über dem Holländer. Hört am Samstagabend den Fernseher nicht. Die ewig-dauernde Kinderparty ist zu laut. Wer um mehr Rücksichtnahme oder Ruhe bittet, kriegt immer die gleiche Floskel zu hören. Und Unverständnis. Es seien eben Kinder. Ja, ist uns nicht entgangen.

Neulich fragte ich meine Eltern, ob ich als Kind auch so laut war. Toben und schreiben durfte, wenn mir gerade danach war. Ob unsere Nachbarn wegen mir reklamierten. Verwundert schauten sie mich an. Fühlten sich fast ein bisschen gekränkt. Oder beleidigt? Hatten sie doch immer darauf geachtet, dass wir nicht übermässig laut waren. Natürlich durften mein Bruder und ich spielen. Waren viel draussen. Auf dem Spielplatz. Im Wald und auf den Wiesen. Aber nicht während der Mittagszeit. Oder am Sonntag. Oder um 6 Uhr Morgens. Da hörten wir Kassetten (!). Bauten Türme mit Lego. Nicht Zucht und Ordnung. Sondern Anstand und Respekt. Gegenüber den Nachbarn. Den Mitmenschen. Der Gesellschaft.

Ich kehre zurück in unsere Wohnung. Die Türe hatte ich auch schon leiser geschlossen.

Kinder-Gekreische und -Gestampfe im Treppenhaus. Es geht weiter. Die Treppe hoch, bis es dumpf in den Wohnungen oberhalb versiegt.

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