Miet-Wohnung in Zürich – Eine aussichtslose Situation?

Wer in der Stadt Zürich leben möchte und eine zahlbare Wohnung sucht, kennt es. Viele Suchende; wenig freie Objekte. Entsprechend gross ist der Andrang bei Besichtigungen. Die Leerstandsquote von 0,22% in 2015 unterstreicht es: Eine fast aussichtslose Situation. Freie Wohnungen vorwiegend im gehobenen Segment. Mein Erfahrungsbericht und ein Aufruf an alle die eine Wohnung zu vergeben haben.

Das Suchen hat ein Ende

Lange, sehr lange haben wir gesucht. Endlich, eine neue Wohnung ist gefunden. Mehr Zimmer, mehr Platz. Höhere Miete – Anpassung an die Orts- und Quartierüblichkeit.

Missbräuchliche Erhöhung anfechten? Wie gross sind unsere Chancen? Start ins neue Mietverhältnis mit einem bitteren Beigeschmack?

Wohnung inserieren

Wir schreiben unsere Wohnung auf Naloo’s Immomailing aus. 3 Zimmer. Zürich Wiedikon, am Fusse des Üetliberges. Ruhig gelegen. Eigener, kleiner Garten. Bezahlbar. Hell.

Mehr als 30 Interessenten melden sich innert Stundenfrist. Viele fragen ob es noch einen freien Platz für die Besichtigung gäbe. Schreiben über ihre jetzige Lebens- und Wohnsituation. In Trennung. Alleinerziehend. Kleine Familie mit Säugling in 2.5 Zimmer Wohnung – an befahrener Strasse. Seit Monaten auf der Suche. Befristetes Mietverhältnis läuft Mitte Jahr aus. Haus wird nach Eigentümerwechsel abgerissen. Oder aufgewertet – Mietzinserhöhung so gut wie sicher. Besitzer duldet keine Haustiere (PDF). Fassadenwechsel. Der eine oder andere will sich erkenntlich zeigen bei positivem Entscheid. Wir sind nicht bestechlich.

Möglichst viele Suchende sollen eine Chance kriegen. Wir machen zwei Besichtigungstermine. Freitag Mittag und Samstag Nachmittag.Ein bisschen früher? Oder lieber später? Ja klar, kein Problem.

Freitag…

…ist verhältnismässig ruhig. Sieben Interessenten kommen. Schauen sich unsere Wohnung an. Mögen sie. Haben viele Fragen. Kriegen Antworten und Anekdoten. Haben Freude, dass auf sie eingegangen wird. Öffnen sich und schwatzen. Meistens über ihre Wohnsituation. Was per Email grob skizziert wurde, wird detailliert. Nur wenig zahlbare Wohnungen. Riesiger Ansturm auf “gute” Wohnungen. Selektive Besichtigungen. Vergabe unter der Hand. Arroganz der jetzigen Mieterschaft: meine Wohnung geht eh weg. Also was willst du? Nur wenn du meine Möbel übernimmst.

Samstag, die grosse Besichtigung.

30 haben sich angemeldet. 30 kommen. Verteilt auf zwei Stunden. Familien mit Kinder. Freund und Freundin. WG Kumpels. Einzelpersonen. Die einen bleiben länger. Wollen sich austauschen. Mit mir. Mit anderen Interessenten. Andere kommen nur kurz. Schauen flüchtig in jedes Zimmer. Schnell wieder raus. Nein danke, kein Anmeldeformular. Aussichtslose Situation. Nur wer sich bewirbt hat eine Chance. Einer bejaht. Aber es könne ja nur einen Gewinner geben. Für die anderen sei es quasi Zeitverschwendung – im Nachhinein. Viele Bedanken sich für die Besichtigung. Es sei nicht selbstverständlich, dass man vorbeikommen dürfe. Oft werden nur 3 bis 5 oder vielleicht mal 10 zur Besichtigung eingeladen. Ich bedanke mich für den Besuch. Das Gespräch. Wünsche viel Glück. Ja, ich bin wirklich unbestechlich. Um ganz ehrlich zu sein: denke nicht dass der Eigentümer auf meine Empfehlung eingehen würde.

Obwohl erst vor kurzem selbst noch in dieser Situation, wird mir erst bei der Masse an suchenden Menschen die unsere Wohnung anschauen klar, wie gross das Übel wirklich ist.

War ich blind? Zu sehr mit unserer Situation beschäftigt? Oder einfach nur ignorant?

Aufruf an alle

Das Thema und die Situation beschäftigen mich. Wie können freiwerdende Wohnungen zielgerichtet einer möglichst grossen Masse bekannt gemacht werden? Der Prozess des Denkes ist noch im Gange. Hier aber ein erster Aufruf. An alle die aus ihrer Wohnung ausziehen. Einen Nachmieter suchen. Denkt an eure Mitmenschen.

  • Schreibt möglichst präzise Inserate
  • Inseriert zielgerichtet, aber so, dass möglichst viele davon erfahren
  • Gebt vor der Besichtigung Auskunft über Besonderheiten und Restriktionen / Limitationen, z.b. kein Parkplatz, keine Haustiere, kein Keller
  • Ermöglicht möglich vielen Interessenten eine Besichtigung
  • Seid flexibel bei den Besichtigungsterminen
  • Seid freundlich zu potentiellen Nachmietern
  • Helft mit Tipps, z.b. weist auf Wartelisten hin etc.

Quellen:

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

– Karl Valentin

Das sind halt Kinder

Kinder sind das Grösste. Meinen zumindest unsere Nachbarn. Sie sind immun gegen den Lärm ihrer Sprössling. Sind verständnislos jenen gegenüber die sich stören und sich Ruhe wünschen. Szenen wie die beschriebene erleben wir jeden Tag. Manchmal reklamieren wir. Manchmal nicht. Fast immer nervt es uns.

Schlaftrunken schrecke ich auf. Es ist kurz vor 17 Uhr. Ich war wohl auf dem Sofa eingenickt. Gekreische und Gestampfe im Treppenhaus. Von Kindern. Und ihren Eltern?

Zum x-ten mal. Letzte Woche. Gestern. Heute. Jeden Tag. Mehrfach.

Meine Freundin kann ein Lied davon singen. Arbeitet von Zuhause und erlebt Gleiches jeden Tag. Erzählt mir jeweils am Abend davon.

Ich taumle zur Wohnungstüre. Reisse sie auf. Genau davor die Lärmequellen: Zwei Kinder und ihre Väter. Offensichtlich amüsiert. Beide, jung und alt.

“Geht es bitte ein bisschen leiser? Ich möchte nicht jedes mal hören müssen wenn ihr nach Hause kommt. Oder rausgeht.”

Die beiden Buben stampfen weiter. Die Treppe hoch. Die Väter schauen mich verdutzt an. Der Holländer ringt mit den Worten. Nimmt einen Versucht, aber stammelt nur vor sich hin. Der Grieche kommt ihm verbal zur Hilfe:

“Das sind halt Kinder. Die machen Lärm.”

Ich habe dafür kein Verständnis und bringe es zum Ausdruck. Erkläre, dass in einem Wohnhaus die  einzelnen Parteien aufeinander Rücksicht nehmen sollten. Müssten. Aus Anstand. Und Respekt.

Der Grieche lächelt süffisant. Und wiederholt sich:

“Das sind halt Kinder.”

Und dann:

“Was soll man da machen?”

Ich hätte da Ideen. Nehme einen Anlauf und stoppe bei der ersten Silbe gleich wieder. Irgendwie bringen solche Diskussionen nichts. Weil sie sich wiederholen. Immer wieder. Seitdem sie eingezogen sind. Erst der Holländer. Dann der Grieche. Es wurde lauter. Nicht nur wegen der Kinder. Aber vor allem. Laut. In den Wohnungen. Im Treppenhaus. Auf dem Balkon. Wir baten um Ruhe und Rücksicht. Unzählige male. Wandten uns an die Verwaltung. Die hat sie abgemahnt. Erst einzeln. Dann zusammen. Einmal. Zweimal. Nicht nur wir stören uns. Auch der Australier. Wohnt gleich unter dem Griechen. Flüchtet am Wochenende in das Ferienhaus der Freundin. Oder die Afghanin. Zwei Etagen über dem Holländer. Hört am Samstagabend den Fernseher nicht. Die ewig-dauernde Kinderparty ist zu laut. Wer um mehr Rücksichtnahme oder Ruhe bittet, kriegt immer die gleiche Floskel zu hören. Und Unverständnis. Es seien eben Kinder. Ja, ist uns nicht entgangen.

Neulich fragte ich meine Eltern, ob ich als Kind auch so laut war. Toben und schreiben durfte, wenn mir gerade danach war. Ob unsere Nachbarn wegen mir reklamierten. Verwundert schauten sie mich an. Fühlten sich fast ein bisschen gekränkt. Oder beleidigt? Hatten sie doch immer darauf geachtet, dass wir nicht übermässig laut waren. Natürlich durften mein Bruder und ich spielen. Waren viel draussen. Auf dem Spielplatz. Im Wald und auf den Wiesen. Aber nicht während der Mittagszeit. Oder am Sonntag. Oder um 6 Uhr Morgens. Da hörten wir Kassetten (!). Bauten Türme mit Lego. Nicht Zucht und Ordnung. Sondern Anstand und Respekt. Gegenüber den Nachbarn. Den Mitmenschen. Der Gesellschaft.

Ich kehre zurück in unsere Wohnung. Die Türe hatte ich auch schon leiser geschlossen.

Kinder-Gekreische und -Gestampfe im Treppenhaus. Es geht weiter. Die Treppe hoch, bis es dumpf in den Wohnungen oberhalb versiegt.

Freunde

Manche suchen ein Leben lang. Andere haben viele. Wieder andere halten an der Vergangenheit fest. Manche finden einfach neue. Laufen ihnen quasi zu. Verabschieden sich wieder. Nie. Schnell. Ohne Wehmut. Ohne ein Gefühl von Verlust.

Wie viele Freunde haben wir?

Nicht jene von Facebook. Oder LinkedIn Kontakte. Oder Instagram Bewunderer. Nicht jene von denen wir uns emotional schon lange verabschiedeten. Nicht jene die uns nur in den Sinn kommen wenn wir sie lesen. Sehen. Hören.

Nicht jene mit denen wir im Sandkasten spielten. Was haben wir denn mit denen heute noch gemeinsam? Die Vergangenheit? Die Erinnerung?

Vielleicht ein Gefühl?

Macht uns das zwangsläufig zu Freunden? Weil wir zusammen die Schulbank drückten? Die gleichen Tests schrieben? Zur gleichen Musik feierten?

Mit diesen Gedanken bin ich meine “Freunde” auf Facebook durchgegangen.

Einmal. Mit wem gehe ich ein Bier trinken?

Zweimal. Wer akzeptiert mich wie ich bin?

Dreimal. Wer ist aufrichtig mir gegenüber?

Und immer wurden es weniger. Viel weniger. Es sind immer noch zu viele.

Eine Trennung auf Raten. Ein schleichender Abschied von all denen die ich nicht losliess. Mich nicht losliessen. Weil sie nicht konnten? Weil ich es nicht wollte?

Die allgegenwärtige Verfügbarkeit persönlicher Information, Bilder, Reisen und Liebesgeschichten suggeriert uns jemanden zu kennen. Kennen zu wollen. Freunde zu sein. Freunde sein zu müssen. Wir stöbern durch digitale Hinterlassenschaft. Sind Voyeure. Interessieren uns. Nur kurz. Können ein Teil des anderen Lebens sein. Ohne Verpflichtung. Bewundern Erreichtes. Trauern über Verlorenes. Sehen nur die Fassade. Nur der Schein. Wer steckt dahinter?

Nur ein Fremder.

Religion gilt dem gemeinen Mann als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrscher als nützlich.

– Lucius Annaeus Seneca, 65 n. Chr.